Kapitel 23 · Bereich IV – Prämien & Wertung
Taktik & Strategie
Spieltechnische Grundsätze, Merksätze und Taktiken – das Wissen, das gute Spieler von Anfängern unterscheidet.
Karten allein gewinnen kein Spiel
Tarock ist mehr als nur die Karten in der Hand. Wer die Spielregeln kennt, hat nur die halbe Miete – die andere Hälfte sind spieltechnische Grundsätze, die ein erfolgreicher Spieler verinnerlicht hat. Je genauer ein Spieler diese Gebote beachtet, desto größer sind seine Chancen am Tarocktisch.
Dieses Kapitel ist eine Sammlung der wichtigsten Taktik-Prinzipien: Vom Mitzählen der Tarock über die Sitzordnung bis hin zu klassischen Merksätzen wie „Nie unter X!" oder „Ni't spoar'n!". Es gilt aber auch: Tarock ist kein Hasardspiel, sondern ein Genussspiel – das Spielerlebnis ist genauso wichtig wie der Sieg.
Die vier Grundsätze für jedes Spiel
1. Tarock mitzählen
Zählen Sie die 22 Tarock mit – das ist bei allen Spielen nützlich, bei Positivspielen absolut unerlässlich. Vergessen Sie nicht die im Talon liegen gebliebenen Tarock! Bei Solospielen rechnen Sie im Schnitt 1–2 Tarock im Talon. Merken Sie sich Trullstücke und Stecher bis XVI. Passen Sie auf die Vögel auf – ein stiller Quapil könnte teuer werden!
2. Tarock effizient einsetzen
Bringen Sie im Normalfall zuerst mittlere Tarock – „Nie unter X!". Nehmen Sie die Stecher für die fetten Stiche und rechnen Sie sich aus, wann Sie zuschlagen sollen. Den Pagat bringen Sie im Zweifel heim und geben die Vögel rechtzeitig ab – außer Sie wollen sie still spielen. Als Gegner legen Sie entsprechend hoch vor, sonst müssen Sie Ihre Stecher später opfern.
3. Farben und Figuren merken
Merken Sie sich, welche Farben von wem, wie oft gespielt worden sind. Spielen Sie dem Gegner nicht in seine Farbe, dem Partner schon. Sind Sie schwach, ziehen Sie kurze Farben an. Als Starker forcieren Sie Ihre lange Farbe.
4. Schmiere und Gabeln
Achten Sie bei den Farben darauf, welche Figuren schon gefallen sind – sie bringen wertvolle Punkte. Haben Sie in der Farbe des Gegners eine Gabel, nutzen Sie sie aus! Auch eine kleine Gabel bringt eine Stich-Chance. Spielen Sie so, dass Sie möglichst viel Schmiere unterbringen.
Klassische Merksätze für Tarockneulinge
Diese Merksätze haben Generationen von Tarockspielern geprägt. Lernen Sie sie auswendig – und Sie werden plötzlich verstehen, warum erfahrene Spieler bestimmte Karten ausspielen.
„Spiel zügig!"
Du wirst sowieso Fehler machen, egal wie lange du nachdenkst. Nicht zu lange grübeln – Tarock lebt vom Tempo.
„Zähle Tarock!"
In allen Spielen von Vorteil – egal ob als Spieler, Partner oder Gegner. Trullstücke (XXII, XXI, I) und Stecher (XVI–XX) merken!
„Merk dir die Farben!"
Wie oft wurde eine Farbe gespielt? Welche Könige und Figuren sind ausständig? Hast du eine Gabel?
„Achte auf die Lizitation!"
Sie enthüllt einiges. Wer was spielt verrät Stärken. Das Spiel findet am Tisch statt, nicht in den eigenen Karten.
„Angezeigte Farben nachbringen!"
Es ist meistens eine gute Idee, die zuvor gespielte Farbe eines Partners nachzuspielen (Spiegelprinzip).
„Gegner anschießen, Partner schonen!"
Spiel dem Gegner nicht in seine Farbe, dem Partner aber schon. Als Starker bring deine lange Farbe, als Schwacher eine kurze.
„Ni't spoar'n!"
Beim Tarockieren und beim Schmieren! „A bisserl was!" – damit der Gegner nicht billig laschieren kann. „Waaßt' net weiter, spü' an Reiter!"
„Position, Position, Position!"
Achte auf die Sitzordnung. Spiel so, dass dein Gegner möglichst eingezwickt in der Mitte sitzt – dein Partner möglichst hinten. „Als Erster sticht man nicht!"
„Im Solo spielt man Könige!"
Auch wenn man nur wenige hat. Bei neuen Farben den König – der Spieler konnte sich nicht verlegen und hat die Farbe vielleicht mit.
„Zweiter Mann so klein er kann, dritter Mann so groß er kann!"
Beim Besserrufer: Hast du noch einen Partner hinter dir, spiel ein niederes Tarock, sonst ein hohes. Nutze die Schaukel!
„Nie unter X!"
Bring als Alleinspieler mittlere Tarock und spiel nicht zu nieder aus. Setze deine Tarock effizient ein.
„Vogelgier vermeiden!"
Gib beim Dreier die Vögel rechtzeitig ab. Das Taktieren mit Vögeln kann das Spiel kosten – als Spieler und als Gegner!
„Achte auf Gabeln!"
Vor allem in Farbenspielen. Lass dir deine Gabeln vom Gegner anspielen. Wer eine Gabel aufmachen muss, verliert meist das Spiel.
„No guts, no glory!"
Mut kann man nicht kaufen! Sei als Erster vorsichtiger, als Letzter mutiger. Ohne Risiko kein Spaß!
Position, Position, Position
Eine der wichtigsten Taktiken im Tarock ist das Spielen mit der Sitzposition. Wer hinten sitzt (also als 4. Mann) hat den Vorteil, dass er sieht, was die anderen schon gespielt haben. Wer in der Mitte sitzt, ist im Entscheidungsstress.
Den Gegner in die Mitte nehmen
Die Spielmannschaft versucht, den Gegner möglichst oft in die Mitte zu nehmen. Sitzt der Gegner als 2. oder 3. Mann, muss er entscheiden: Hoch oder niedrig stechen? Das kostet ihn unweigerlich Stecher oder Punkte. „Hinten ist der Stich schöner."
Spielregeln nach Position
- 2. Mann: So klein wie möglich – wenn hinten noch Partner sitzen
- 3. Mann: So groß wie möglich – wenn man der letzte Stecher der Mannschaft ist
- 4. Mann (Hinterhand): Optimaler Platz – sticht man, dann ganz sicher
Die Schaukel
Eine besondere Position-Taktik: die Schaukel. Ein Partner spielt nieder aus, der andere übernimmt mit hoher Karte – oder umgekehrt. So werden Stecher und Schmiere optimal verteilt.
Stark oder schwach? – Die richtige Selbsteinschätzung
Im Gegenspiel (z.B. zu Besserrufer, Dreier, Sechser-Dreier) ist es entscheidend, dass die Gegner ihre Spielstärke richtig einschätzen. Es kommt auf die relative Stärke an – also auf das Verhältnis der Gegner untereinander.
💪 Der starke Gegner
- 6 Tarock mit zwei Stechern
- 5 Tarock mit mindestens 1 Stecher
- Führt das Gegenspiel
- Spielt die lange Farbe
- Spielt aggressiv, dominant
🛡️ Der schwache Gegner
- 3 Tarock oder weniger
- 4 Tarock oder weniger ohne Stecher
- Ordnet sich unter
- Spielt eine kurze Farbe
- Hilft aus, opfert hohe Tarock
Stärke kann sich ändern
Manchmal ändert sich die Einschätzung während des Spiels. Hat ein Gegner die lange Farbe des Spielers, kann er mit nur 4 Tarock plötzlich von schwach auf stark wechseln. Muss er die lange Farbe ständig mit Tarock stechen, wird er trotz Tarock bald tarockarm und damit schwach.
Schmieren und Stechen – die Hohe Kunst
Schmieren
Spieler sollen ihre hohen Farbkarten nicht horten, sondern dem Partner schmieren und damit das Spiel gewinnen. Im Zweifel wird geschmiert! Anderes gilt nur, wenn man wenige Punktekarten (König, Dame) hat – da schmiert man eben nur in den sicheren Stich des Partners.
Stechen
Im Zweifel stechen, nicht Tarock horten oder sparen. Nur ausnahmsweise laschieren (= dem Gegner ein kleines Tarock zugeben). Sonst bleiben hohe Tarock wirkungslos – der Gegner bleibt auf Zug und kann das Spiel gestalten.
Stech-Höhe – die richtige Dosis
- Erste Spielung einer Farbe: Niedrig stechen – aber „nicht unter X"
- Wiederholte Spielung / hohe Punktekarten: Höher stechen
- Wenn möglich: So stechen, dass der Gegner in die Mitte kommt
Goldene Regel: Wer eine Gabel aufmachen muss, verliert diese Farbe und meist das ganze Spiel. Lassen Sie also Ihre Gabeln vom Gegner anspielen!
Die Spielhypothese – immer mitdenken
Jedem Spiel liegt eine Spielhypothese zugrunde – die Grundüberlegung, wie das Spiel zu gewinnen ist. Sie wird im Lauf des Spiels ständig überprüft, verdichtet und gegebenenfalls grundlegend geändert.
Die 3 Phasen jedes Spiels
1. Beginn (Stich 1–4)
Spielhypothese aufstellen, Stecher der Gegner herausziehen, Partnerschaften erkennen.
2. Mittelteil (Stich 5–8)
Tarock einsetzen, Schmiere unterbringen, Hypothese bestätigen oder anpassen.
3. Schluss (Stich 9–12)
Vögel sicher heimbringen, Pagat ultimo platzieren, letzte Punkte sammeln.
Die wichtigsten Fragen während des Spiels
- Was soll ich ausspielen? Was hilft meinem Partner?
- Soll ich hoch oder niedrig stechen?
- Wie spiele ich den Pagat ultimo sicher heim?
- Wie verlege ich mich beim Sechser-Dreier?
- Wie lege ich das Gegenspiel beim Bettler ouvert an?
„Im Zweifel lieber aktiv spielen als bloß zuzusehen. Wer wagt, gewinnt – zumindest an Erfahrung."
Das Partnerspiel – das Herz des Tarocks
Bei den Rufer-Spielen entscheidet oft, ob die Partner ausreichend aufeinander eingehen, ihr Spiel aufeinander einstellen.
Wer führt, wer arbeitet zu?
- Der Spieler dominiert, der Partner unterstützt und ordnet sich unter
- Der Spieler zeigt an, ob Tarock oder Farbe gespielt werden soll
- Der Partner spielt das Angezeigte zurück (Spiegelprinzip)
Den Partner finden
Wurde der König nicht angesagt, gilt es – ohne zu sprechen – den Partner zu erkennen. Den Partner erkennt man unter anderem daran, dass er:
- In den eigenen Stich hohe Farbkarten schmiert
- Dem Gegner hohe Tarock vorlegt
- Die angezeigte Farbe zurückspielt
- Beim Besserrufer Tarock ausspielt
Spiegelprinzip
🎯 Die Grundregel
Dem Partner wird die von ihm angespielte Farbe zurückgespielt. Wenn der Partner Tarock spielt, wird Tarock zurückgespielt. So vermeiden Sie, dem Partner ungewollt in seine Karten zu spielen.
Die ultimative Merk-Liste
Genussvolles Tarock erfordert eine hohe Merkfähigkeit. Selbst bei einer schlechten Karte sollte man mitdenken – im nächsten Spiel sieht es anders aus. Was Sie sich während des Spiels jederzeit präsent halten sollten:
- Die Anzahl der gefallenen Tarock
- Sind die Vögel schon gefallen?
- Welche hohen Tarock sind schon gefallen?
- Wer hat den „Hausmeister" (das höchste Tarock, das noch im Spiel ist)?
- Wer hat noch Tarock, wer schmiert schon?
- Welche Farben sind schon gespielt worden, wie oft?
- Wer sticht/braucht welche Farbe?
- Ist noch Schmiere da?
- Welche Farbkarten sind schon gefallen?
- Wie viele Punkte hat man ungefähr?
- Bei Farbenspielen: Punkte exakt mitzählen
Wichtig: Auch wer eine schlechte Karte hat sollte mitzählen – „genussvolles Tarock erfordert hohe Merkfähigkeit". Der eigene Lerneffekt ist enorm, und manchmal kann man mit schlechten Karten doch noch das Spiel beeinflussen.
Typische Anfängerfehler – und wie man sie vermeidet
❌ Tarock nicht mitzählen
Häufigster Fehler. Folge: Man weiß nicht, wann die Gegner tarocklos sind, kann nicht hochschlagen, der Pagat geht verloren.
❌ Vogelgier
Den Pagat krampfhaft halten, auch wenn er schon nicht mehr sicher heimzubringen ist. Lieber rechtzeitig abgeben.
❌ Eigene Gabeln öffnen
Eine Dame mit Beiblatt freiwillig anspielen – wer das tut, verliert die Farbe. Lassen Sie den Gegner eröffnen!
❌ Den Talon im Negativspiel vergessen
Bei Dreier & Co. die Tarock im liegen gebliebenen Talon nicht in die Rechnung einbeziehen.
❌ Zu hoch schmieren
Sofort den König schmieren, auch wenn der Stich noch unsicher ist. Erst beobachten, dann schmieren!
❌ Sich nicht trauen zu kontrieren
Aus Angst vor Niederlage. Aber: Ein Kontra belebt das Spiel, und Tarock ist nie persönlich!